Konflikt über die Vergangenheit

Überschrift zum Beitrag im KStA vom 10.11.21
Überschrift zum Beitrag im KStA vom 10.11.21 (Copyright: Verlag M. DuMont Schauberg, Köln)

Genau mit dieser Überschrift wurde meine Aufmerksamkeit auf ein Thema gerichtet, das mich schon seit einiger Zeit bewegt, da ich meine eigenen Erfahrungen über das Verhältnis von polnischen Bürgern zu mir habe machen können. Zum allgemeinen Verständnis muss ich zunächst sagen, dass ich als Nachkriegsgeborener und Kind von Vertriebenen durch Positionierungen der Großeltern und Eltern geprägt worden bin.

Als Volksdeutsche haben meine Vorfahren mütterlicher und väterlicherseits seit Jahrhunderten in Westpreußen und Oberschlesien gelebt. Sie waren anerkannte und erfolgreiche Handwerker (Schmiedemeister, Gärtner und Baumeister), die sowohl deutsche als auch polnische Arbeitnehmer in ihren Betrieben beschäftigt hatten.

Bis zum Jahr 1936 schien alles friedvoll zwischen den beiden Völkergruppen zu verlaufen. Als sich dann durch die faschistische Zeit die Spannungen erhöhten, kam es immer häufiger zu Ablehnungen und Anfeindungen. Dann kam der Überfall der deutschen Wehrmacht und der damit verbundene Einmarsch in Polen. Die Lage eskalierte und am Blutsonntag im Oktober 1939 wurde schließlich meine Familie in Bromberg in ihrem Haus ein Opfer der Eskalation und Brutalität zwischen Polen und Deutschen.

Mein Großvater wurde von polnischen Milizen ermordet, das Haus meines Großvaters abgebrannt und die Großmutter mit neun ihrer Kinder überlebte im Keller nur durch den glücklichen Umstand, dass eine Wasserleitung barst und damit das Feuer im Keller gelöscht wurde.

Als Kind hörte ich immer wieder, dass die Vorurteile den Polen gegenüber mehr als begründet seien. Meinem Empfinden nach konnte und sollte man diesen Bürgern nicht trauen. Meine Eltern und Großeltern verstarben leider viel zu früh und ich konnte als Heranwachsender nicht mehr mit ihnen über das Thema sprechen. Mir war etwas eingepflanzt worden, das ungeprüft und nicht belegt war.

Viele Jahre hatte ich keinen Kontakt zu polnischen Bürgern, die mittlerweile auch Teil der Europäischen Union waren und damit für mich Bürger der EU geworden sind.

Je älter ich wurde, desto mehr interessierte mich die deutsche Geschichte. Für eine meiner Tanten, die 1952 zusammen mit der Großmutter in die USA ausgewandert waren, recherchierte ich meine Familiengeschichte, um einen Stammbaum erstellen zu können. Verbunden damit wurde mir bewusst, dass meine Wurzeln ganz offensichtlich auch im heutigen Polen zu suchen sind.

In meinem Berufsleben hatte ich einmal einen polnischen Mitarbeiter, der fleißig und stets lernbereit war. Er sog quasi alles auf und zeigte mir, dass die Aussagen meiner älteren Verwandten eigentlich falsch waren. Ich war hin- und hergerissen. Musste allerdings auch wahrnehmen, dass er stets versuchte, alle Vorteile für sich zu nutzen und dabei an meinem Stuhlbein zu sägen. Er war derjenige, der meinen Platz als Technischer Leiter einer Videoproduktionsfirma übernahm, diese Tätigkeit aber nicht erfüllen konnte und somit den „Laden“ in die Insolvenz führte. Man kann sich eben nicht auf Innovationen seines Vorgängers ausruhen und dabei versäumen, in die Zukunft investieren zu müssen.

Auf der Suche nach Antworten

Meine erste Reise nach Krakau in Polen zeigte mir aber ein ganz anderes Bild der polnischen Bürger. Ich wohnte während meines Besuches in einem Einzimmer-Apartment, das ehemals eine Standardwohnung einer sozialistischen Familie war: Großer Wohn-/Essbereich mit Kochgelegenheit und abgetrenntem Bad und darüber – über eine steile Leiter erreichbar – eine Schlafkoje, in die ich hineinreichen musste, da sie so niedrig war, dass ich darin nicht aufrecht stehen konnte. Diese Art der“normalen“ Wohnung war nur möglich, da es sich dabei um ein Haus mit etwa 4,5 m Deckenhöhe handelte und man große, herrschaftliche Wohnungen so in viel Wohnraum für Arbeiter umwandelte. Alle Menschen, denen ich begegnete, waren aufgeschlossen und freundlich. Von offen gezeigtem Neid keine Spur. Meine Stadtführerin und ihr Mann verdeutlichten mir, dass ich ein willkommener Gast in ihrer Stadt war. Die Stadt war sauber, alle Menschen achteten auf Respekt den anderen gegenüber und ich fühlte mich angenommen. In Krakau findet man viele Zeugnisse wie etwa den Ortsteil Kazimierz, der heute wieder ein jüdischer Stadtteil ist, und Oskar Schindlers Emaillefabrik, die von dem berichten, was die Faschisten den polnischen Juden angetan haben.

Die Brücke Kładka Ojca Bernatka über die Weichsel von Kazimierz, um zu Oskar Schindlers Emaillefabrik zu kommen

Ebenso war es auch in Warschau, wo ich noch die Mauern des Juden-Ghettos als in den Boden eingelassene Steinreihen wahrnehmen konnte. Ich war überwältigt davon, was ich über die Gräueltaten der Deutschen an den Polen lesen musste. Die Zerstörung der Stadt war unmenschlich und für mich unvorstellbar. Ein Besuch des Museums des Warschauer Aufstands verdeutlichte mir mit aller Härte, was die Menschen (Juden und Polen) während der Naziherrschaft erleiden mussten. Ich konnte das dort gelesene sowie gesehene nicht mehr ertragen und verließ nach etwa 90 Minuten der Betrachtung/Erkundung von nur der Hälfte des dort gezeigten weinend das Gebäude: Es war für mich unerträglich, wahrzunehmen, wozu Menschen in der Lage sind: Anderen so etwas anzutun, wenn sie sich dazu in die Lage versetzt und scheinbar ermächtigt sehen. Ich schämte mich dafür, Nachkomme dieser Nation zu sein, die das alles mit zu verantworten hat.

In Breslau wurde ich erneut mit den Schandtaten der Faschisten konfrontiert. Meine Cousine, die ihre Kindheit dort verbracht hatte, in einer Stadt in der 300.000 Deutsche lebten, wurde 1945 von dort vertrieben. Bis auf 7.000 wurden alle Deutschen zwangsumgesiedelt und bereits 1948 lebten bereits wieder 300.000 polnische Bürger aus Zentralpolen in der stark zerstörten Stadt, die ab 1955 wieder aufgebaut wurde und heute im alten Glanz erstrahlt.

Altstadt von Breslau

Verantwortung

Aber bin ich als Nachkriegsgeborener wirklich verantwortlich für etwas, was ich nicht gemacht habe? Wieso werden wir Deutschen denn in Sippenhaft genommen? Wieso erdreisten sich andere Nationen, deren politische Führungen meist rechtsnational aufgestellt sind, von uns weitere Entschädigungen zu fordern, die bereits durch Zahlungen abgegolten wurden?

Überschrift zum Beitrag im KStA vom 10.11.21 (Copyright: Verlag M. DuMont Schauberg, Köln)

Mein Großvater wurde von Polen ermordet und ich bin keinem Polen dafür gram. Was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Wir Nachkriegskinder müssen vergeben und dürfen dabei niemals vergessen, welche Gräueltaten begangen worden sind.

Heute nach über 75 Jahren nach dem 2. Weltkrieg sollten wir alle vergeben und nichts mehr von anderen zurückfordern oder Entschädigung verlangen, denn alle Seiten mussten Schreckliches erfahren und durchleben. Ich habe noch immer intensiven Kontakt zu den Menschen, denen ich bei meinen mittlerweile vier Reisen nach Polen begegnet bin. Die gegenseitige Wertschätzung zeigt sich in einer langsam aufgebauten Freundschaft. Regierungen sollten sich ein Beispiel an uns nehmen, die viel verloren, aber vergeben haben.