Tagebuch einer Trennung – Teil III

Tagebuchauszug
Tagebuchauszug

Was muss ich noch ertragen?

Die Tage ziehen sich und nichts wird verändert: Meine Frau trinkt, ich versorge die beiden Töchter und meine Arbeit fordert mich heraus. Wie lange kann und will ich aber diesen Zustand noch ertragen? Ich offenbare mich einem älteren Kollegen, zu dem ich vertrauen habe und der dem Alter nach auch mein Vater sein könnte. Sein Rat lautete: Ortsveränderung versetzt oftmals Berge! Soll ich wirklich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verlassen, um neu anzufangen? Diese Frage beschäftigte mich zunehmend und ich versuchte mich neu zu orientieren: Neuer Wohnort, neuer Arbeitgeber oder was konnte und musste ich unternehmen, um wieder ein glücklicher Ehemann und Vater zu sein und im Allgemeinen zufriedener zu werden.

Alle Versuche, durch eine Ortsveränderung bei meiner Frau eine Neuaufstellung zu erreichen, scheiterten schon daran, dass meine damalige Frau sich nicht mehr sozialisieren wollte und konnte. Unterhaltungen endeten meist in einem Genuschel, das dem Alkoholkonsum geschuldet war. Gespräche wurden abgebrochen oder unkonzentriert geführt, sodass vom Gegenüber viel Geduld abverlangt wurde. Diese Geduld war kaum noch aufzubringen. Meine beiden Töchter sahen zwar, dass ihre Mama verändert war, konnten sich aber keinen Reim darauf machen. Ich war nicht fähig, sie über den Zustand ihrer Mutter aufzuklären. Ich fühlte mich so hilflos und außerstande, ihr auch nur irgendwie helfen zu können. Meine Versuche, mit den Schwiegereltern darüber zu sprechen, schlugen fehlt, denn sie sahen keinen Handlungsbedarf auf ihrer Seite: Das Verhältnis zwischen Mutter, Vater und Schwester war nachhaltig zerbrochen.

Meine Bewerbung beim NDR war schließlich erfolgreich und ich erhielt einen Arbeitsvertrag als Gehobener Ingenieur im Fernsehschaltraum. Es war Frühjahr und ich musste noch bis zum Herbst meinen Vertrag mit dem WDR erfüllen. Allerdings sollten meine Töchter schon mit dem Beginn des neuen Schuljahrs am neuen Wohnort Quickborn eingeschult werden. Ein Start an einer neuen Schule ist schon schwer genug, daher sollten sie nicht auch noch im Oktober ins bereits laufende Schuljahr wechseln müssen. Ich hatte das Glück ein Haus zur Miete gefunden zu haben, dass ich gemeinsam mit einem alten Kollegen vom WDR renovierte und für die Familie vorbereitete. Bereits im Juli zogen dann meine Frau zusammen mit den Kindern ins „neue Heim“ ein. Leider musste ich schon nach einer Woche die traurige Wahrheit zur Kenntnis nehmen: Meine Frau trank immer noch und im gleichen Umfang wie bisher! Eine Veränderung war in absehbarer Zeit nicht zu erkennen. Ich hinterfragte, wieso ich diesen Arbeitgeberwechsel zusammen mit dem Ortswechsel gemacht habe? Könnte ich noch weiterhin mit einer Frau das Haus und das Bett teilen, wenn diese eher dauertrunken als familiär eingestellt war.

Eine weitreichende Entscheidung

Mein Seelenleid wurde immer schwerer zu ertragen und ich war zwischen fürsorglichem Verhalten und mir als aufgebrachtem, empörtem Ehemann hin- und hergerissen. Durfte ich meinen Kindern das antun: Meine Frau verlassen, um mich davor zu bewahren, im Alter mit einer Alkoholkranken zusammenleben zu müssen? Den Kindern die Mutter nehmen und damit die Gemeinschaft der Eltern zu zerstören? Diese Fragen beschäftigten mich mehr als zwölf Monate, in denen ich meinen Töchtern und meiner Frau einen Urlaub an der Nordsee ermöglichte, meine Frau zusammen mit einer Freundin eine Woche in Venedig spendierte und das alles nur, damit sie Abwechslung hatte und auf andere Gedanken kommen konnte.

Im August 1988 entscheid ich mich dann dazu, meine Frau zu verlassen. Ich wollte im Alter nicht mehr mit dieser Frau zusammenleben. Zunächst sprach ich mit ihr darüber und erlebte eine erschrockene und zutiefst verletzte Partnerin. Sie sah keine Schuld bei sich und warf mir vor, egoistisch zu handeln und dabei auch die Töchter aufzugeben. Mein Angebot, dass ich die Kinder zu mir nehmen würde, um sie auch weiterhin – so wie bereits in den zurückliegenden Jahren – zu versorgen, wurde von ihr rigoros abgelehnt. Wir vereinbarten ein gemeinsames Gespräch mit den beiden Mädchen (damals 13 und 9 Jahre als). Ich erklärte ihnen die Situation und sprach über die Trennung. Mein Angebot, dass sie weiterhin mit mir zusammenleben können, wurde nach kurzer Bedenkzeit von beiden mit den Worten abgelehnt, dass sie doch die Mama nicht allein lassen könnten!

Auf der einen Seite war ich von dieser Aussage mehr als verletzt, denn sie zeigte mir, dass sie sich gar nicht zu 100 % darüber bewusst waren, dass ich sie die letzten Jahre maßgeblich er- und aufgezogen hatte. Alles was ich in diesen Orts- und Berufswechsel investiert hatte, sollte sich doch irgendwie zum Wohl der Kinder und zu meinem Seelenfrieden auszahlen. Ich schrie innerlich und versuchte, irgendwo Halt zu finden. Bei einem erneuten Treffen klärte ich ab, welche Möbel ich bei meinem Auszug aus dem gemeinsamen Haus, in dem ich nie gewohnt hatte, mitnehmen würde. Außerdem machte ich meiner Frau ein Unterhaltsangebot, das meinem damaligen Nettoeinkommen entsprechend großzügig ausfiel. Männer sind immer Schuld und haben daher die Lasten zu tragen, die damit verbunden sind. Ich bot ihr 1800 DM an, sie verlangte aber 2700 DM, da sie der Meinung war, dass ich „spüren“ müsse, was ich angerichtet habe.

unverschämte Unterhaltsforderungen
Unverschämte Unterhaltsforderungen

Ich konnte und wollte nicht mehr ertragen, die Mutter meiner Kinder betrunken sehen zu müssen. Als Partnerin zeigte sie mir bereits seit vielen Monaten die kalte Schulter und entzog sich mir, wenn ich zärtlich sein wollte. Verkehr fand zum damaligen Zeitpunkt gar nicht mehr statt.

Gerade merke ich, wie mich die Aufarbeitung meiner Trennung und der anschließenden Scheidung mitnimmt. Ich mache erst einmal eine kurze Schreibpause, um wieder Luft holen zu können. Ich melde mich wieder …

Ein Gedanke zu “Tagebuch einer Trennung – Teil III

  1. AA Besuch als Co-Abhängiger? Arbeit am Unterbewußtsein (Bücher) in „geeigneten“ Momenten? Suff&Co haben Ur-Quell-Ursachen (wird oft in normale Sätze eingestreut, welche das denn seien) oft Geschichten aus der Kindheit … Nicht-Schonung hilft … gegen Null Rücksicht …. eine Aufgabe ist eine Aufgabe, jede Oberflächlichkeit ablegen und ungeniert die Tiefen erkunden … 🙂

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