Gibt es wahre Freundschaft?

Gibt es wahre Freundschaft?
Freunde für’s Leben oder …?

Solange ich mich erinnern kann, habe ich Menschen um mich herum, die sich als Freunde bezeichnen. Auch ich sehe einige von ihnen als meine Freunde an, wobei für mich der Begriff „Freund“ klar definiert ist – ebenso wie auch die „Freundschaft“ für mich eine besondere Bedeutung hat.

Meine Freunde stammen zu einem Großteil aus der Zeit meiner Jugend. Nicht dass es sich dabei um Mitschüler handeln würde. Nein, ganz im Gegenteil: Es sind Kinder der Nachbarn und von Urlaubern, die eine Bedeutung in meinem Leben erlangt haben. Zähle ich sie auf, so komme ich auf eine begrenzte Anzahl von … naja, eine Hand voll!

Für die Jugend von heute sicherlich eine lächerlich kleine Menge, aber wir hatten damals kein Telefon, kein Internet und kein Social Media, über das kommuniziert werden konnte. Wir haben uns entweder auf dem Schulhof verabredet oder mussten kilometerweit mit dem Fahrrad zu jemanden hinradeln, um zu sehen, ob wir etwas miteinander machen konnten/wollten. War man so wie ich auf einer reinen Jungenschule, so war auch die Möglichkeit, sich mit einem Mädchen zu verabreden bzw. sich zu treffen, sehr begrenzt. Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes „begrenzt“. Nicht geistig, aber örtlich und in unseren Wahlmöglichkeiten. Heute brüsten sich die Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest usw. damit, dass man Follower kaufen kann, die man irgendwie als seine „Freunde“ bezeichnet. Bullshit – Social Media bietet keine wirklichen Freunde und damit verbundene Freundschaften! Freunde sind für mich Menschen, die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen kann und die mich dann fragen, wo ich sie brauche. Kein Warum und Wofür, sondern eine klare Ansage, dass man füreinander da ist. Bietet das auch Social Media?

In meinen frühen Jahren wechselte ich nach der vierten Klasse der Volksschule auf die Realschule in einem anderen Ort – rund 120 km von meinem Geburtsort entfernt. Dieser Ortswechsel verursachte auch einen Verlust von bereits gewonnenen Freunden. Best Buddies, wie man sie heute nennt, meldeten sich nicht mehr, denn es war beschwerlich in Kontakt zu bleiben. Das Briefeschreiben erforderte Zeit und Muße und verursachte Kosten. Für uns Kinder waren 10 Pfennig für eine Briefmarke eine Ausgabe, die überlegt sein wollte. Und welche Freundschaft schafft es, das zu überbrücken.

Meine Schule war sieben Kilometer von meinem neuen Heimatort entfernt. Und nur ein Klassenkamerad wohnte auch im gleichen Ort wie ich. Alle anderen wohnten am Schulort und kannten sich bereits seit frühester Kindheit, da man war am gleichen Ort geboren, ist dort zur Grundschule gegangen, um dann zur weiterbildenden Schule zu wechseln. Neue Freunde zu finden, war gar nicht einfach. In unserem Wohngebiet lebten vorzugsweise Vertriebene, Volksdeutsche und Umsiedler. Irgendwie waren alle um uns herum „von wo anders“!!!

Einen Nachbarsjungen, der mich von Anfang an als ebenbürtig betrachtete, schloss ich irgendwie gleich ins Herz. Wir trafen uns regelmäßig, obwohl wir in zwei ganz verschiedene Schulen gingen, wir machten gemeinsame Dinge und irgendwie waren wir immer zusammen und füreinander da. Selbst meine Erfahrungen mit meiner ersten Freundin, meiner geliebten Cousine, teilte ich mit ihm. Wir gingen zusammen mit ihr zum Spielen und zu einem ersten Tête-à-tête. Wunderschöne Erinnerungen, die ewig erhalten bleiben. Dieser erste gute Freund ist auch heute noch mein Freund und treuer Wegbegleiter, auf den ich nie verzichten möchte. Ich müsste noch zwei weitere Freund hier aufführen, denke aber, dass mein Beispiel verdeutlicht, was für mich einen Freund und die damit einhergehende Freundschaft ausmacht.

Nach der Realschule wechselte ich auf’s Gymnasium – wieder in eine andere Stadt, die rund 40 km entfernt war. Keiner meiner Mitschüler ging zusammen mit mir auf diese mathematisch-naturwissenschaftlch orientierte Schule, sondern das Gros begann eine Ausbildung. Ich war wieder allein und musste neue Freunde finden. Mein allerbester Freund hatte bereits seine Ausbildung fast abgeschlossen, als ich diesen Wechsel vollzog. Jeden Morgen musste ich um 6:15 Uhr mit dem Zug zum Schulort fahren, um erst um 16 Uhr wieder daheim sein zu können. Meine Versuche, an dieser Schule sogenannte Freunde zu finden, wurden nicht von Erfolg gekrönt. Mir machte die Spätpubertät zu schaffen und ich fand einfach keinen Halt – weder daheim, wo mein krebskranker Vater hilflos mit seiner Krankheit kämpfte, noch im Freundeskreis, der sehr begrenzt war. Ich war so einsam und allein, das kann ich gar nicht beschreiben.

Endlich, endlich fand ich eine junge Frau, die sich „mit mir einlassen“ wollte: Die ehemalige Freundin eines Freundes, die er verlassen hatte. Bis dahin war ich eher der Looser, denn mit mir wollte kein Mädchen tanzen, denn irgendetwas anderes zu tun haben.

Während meiner beruflichen Ausbildung konnte ich Kumpaneien mit anderen Lehrlingen aufbauen. Der Kreis der Menschen, die die Freizeit mit mir verbrachten, wurde größer, was aber nicht zwingend bedeutete, dass Vertrauen aufgebaut wurde. Alles was wir machten war sehr intensiv, aber außer oftmals einem bitteren Nachgeschmack blieb nichts von dieser Zeit übrig.

Nach rund drei Jahren Freundschaft mit der Ex meines Freundes heiratete ich sie und wir bekamen zwei Jahre später unsere erste Tochter. Mit der Familiengründung erweiterte sich der Kreis der Menschen, die sich Freunde nannten: Gemeinsame Feiern, Kindergartensorgen, Todesfälle und Umzüge! Ich glaubte, angekommen und angenommen zu sein. Bis zum Zeitpunkt der Scheidung: Nach dreizehn Jahren Ehe brach nicht nur diese auseinander, sondern die gemeinsamen Freunde dividierten sich in „Ehe kaputt, Freundschaft ebenso“, „wie kann ich weiterhin Kontakt pflegen, wenn sie nicht mehr dabei ist“ und „Mitleid“.

Verdammt, was sind denn nun wirkliche Freunde und was bedeuten Freundschaften? Mich trieb es in die Ferne und ich verlegte meinen Wohnort rund 500 km entfernt in den Norden. Ein Neuanfang: neuer Arbeitsplatz, neuer Wohnort, neue Kollegen und ein neues Umfeld! Schei… ich stürtzte ab und fiel, fiel, fiel … immer tiefer und ohne Halt. Familie war nicht mehr für mich da, die meisten „Freunde“ hatte meine Ex vergrault und ich war allein und einsam im kalten Norden.

Mein Jugendfreund tauchte wieder in meinem Leben auf, den ich während der Ehe aus den Augen verloren hatte. Nicht, dass ich ihn nicht mehr mochte. Nein, meine damalige Frau hatte ihn und seine Frau vertrieben. Sie war uneinsichtige Alkoholikerin und ohne jegliche Empathie. Gut ist es, wenn Freunde einem den Spiegel vorhalten, damit man daraus lernen kann.

Beruflich umorientiert, fand ich eine neue Partnerin, die auch gleichzeitig heute noch meine beste Freundin ist. Ich wendete mich ab vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo ich erfolgreich, aber nicht erfüllt unterwegs war und gründete mein eigenes kleines Redaktionsbüro. Ehemalige Kollegen verstanden nicht, wie ich diesen Schritt machen konnte, die Zeit bestätigte mir aber, dass das der für mich richtige Schritt gewesen ist.

Heute blicke ich auf 20 Jahre Selbstständigkeit im Beruf zurück. In dieser Zeit habe ich rund 500 beruflche Kontakte in meinem Adressbuch angesammelt, von denen sich einige als Freunde, andere wiederum nur als Berufskollegen bezeichnet haben. Seit über sechs Jahren arbeite ich nur noch für mich, ohne Auftragsgeber zu haben, denn ich mache heute nur noch das, was mir wirklich Freude bereitet. Meinen ehemaligen Kontakten habe ich mitgeteilt, dass ich in den Un-Ruhestand gehe. Damit habe ich 497 Kontakte löschen müssen, denn diese haben es nicht mehr als erforderlich angesehen, mit mir weiterhin in Kontakt zu bleiben. Die wenigen, die noch übrig geblieben sind, die kann ich heute auch als Freunde bezeichnen, denn für die gilt ebenso wie auch für mich, das bereits gesagte: Freunde sind für mich Menschen, die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen kann und die mich dann fragen, wo ich sie brauche. Kein Warum und Wofür, sondern eine klare Ansage, dass man füreinander da ist.

Aus den Augen, aus dem Sinn“ lautet ein altes Sprichwort. „Back to the roots“, sage ich aber zu mir selbst. Ich konzentriere mich auf die mir noch verbliebenen, treuen Freunde – einer hält mir bereits seit über 60 Jahren die Treue, und genieße jeden Tag auf’s Neue! Offen sein für alles, was auf mich zukommt und bereit sein, mich auf Neues einzulassen. Auch im Alter kann man noch Freunde finden und Freundschaften pflegen. Man muss nur bereit dazu sein.