Familienbande – ein Wortspiel?

Zunächst sollte dieser Beitrag (Update: Familienbande und Alterseinsamkeit) gelesen werden, damit zu verstehen ist, was eigentlich die Grundlage dieses aktuellen Blogs ist. Ob es sich bei einer Familie um einen festen Verbund mit sozialer und ethischer Verantwortung oder um eine raffgierige Bande handelt, dass muss hier bitte nach dem Lesen jede(r) für sich selbst entscheiden.

Im März war ich noch zuversichtlich, dass sich alle beteiligten Familienmitglieder/Verwandten einsichtig zeigen würden und der 96jährigen Tante der Weg zum Gericht erspart bliebe. Leider hat sich herausgestellt, dass Geldgier und Selbstsucht zwei Eigenschaften sind, die mit Nächstenliebe und moralischer Verpflichtung in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen.

Der Anwalt der Tante hat an die Nichte und den Neffen geschrieben, die mit Notarvertrag belegten Forderungen dargestellt und somit eingefordert. Seitens der Schuldner kamen nur Rückmeldungen, die da lauteten, dass die Ansprüche verjährt seien und somit keine Forderungen offen seien. Eine erneute Prüfung durch den Rechtsbeistand der Tante ergab aber, dass diese Forderungen notariell beurkundet und damit berechtigt sind. Wir leiteten daraufhin gegenüber beiden Verwandten entsprechende Mahnverfahren ein, was bei der 96Jährigen zu einer hohen emotionalen Belastung führte.

Beide Seiten legten ohne Angabe von Gründen Widerspruch ein. Das Mahngericht eröffnete aber die Möglichkeit, dass man am Landgericht ein streitiges Verfahren eröffnen könne. Diese „Lösung“ bedeutete für die betroffene Seniorenheim-Bewohnerin, dass sie ihre noch verbliebenen Ersparnisse für die Auseinandersetzung mit den beiden durch Schenkung begünstigen Verwandten (Tochter und Sohn ihrer beiden Schwestern) hätte ausgeben müssen. Das wiederum würde sie augenblicklich zur Sozialhilfeempfängerin machen, da die Gerichts- und Rechtsanwaltskosten etwa genau den Betrag ausmachen würden, den sie noch auf ihrem Sparbuch zur Verfügung hat.

Ich sprach daraufhin Anfang Juni mit dem zuständigen Sozialamt, bei dem ich bereits im Februar 2020 einen Antrag auf Hilfe zur Pflege gestellt habe, um abzuklären, inwieweit die Ansprüche gegen die beiden Familienmitglieder/Verwandten an das Sozialamt zwecks Eintreibung der offenen Forderungen abgetreten werden können. Die Antwort war klar und deutlich: Wir müssen alles erdenklich Mögliche in die Wege leiten – und damit auch die letzten Finanzreserven aufbrauchen –, bevor das Sozialamt als Kostenträger einspringt. Das bedeutet, dass man nur ein Darlehen der laufenden Seniorenheim-Unterbringungskosten bereitstellen wird, bis alle anhängigen Rechtsstreitigkeiten letztinstanzlich geklärt seien! Die Schuldner setzen offensichtlich genau auf ein solches, langwieriges Verfahren, um nicht zahlen zu müssen. Nachdem ich die Tante darüber informiert habe, verlor sie allen Mut und die Zuversicht, sich jemals wieder etwas selbst leisten zu können.

Jetzt war für mich der Punkt erreicht, an dem ich nur noch eine gerichtliche Auseinandersetzung zwecks Klärung sah. Anfang Juli stellte ich beim zuständigen Amtsgericht für beide Mahnverfahren einen Antrag auf Prozesskostenhilfe (PKH). Die Entscheidung darüber steht leider noch aus. Sollte das Gericht den Antrag auf PKH allerdings positiv entscheiden, dann könnte das Verfahren am Landgericht München und am Landgericht Walsrode gegen beide Schuldner eröffnet werden. Ob und wie diese beiden Verfahren dann zu Gunsten der 96Jährigen entschieden werden, liegt ausschließlich in den Händen der zuständigen Richter. Wir müssen daher abwarten und darauf hoffen, dass es in unserem Land noch Gerechtigkeit gibt und man einer alten Dame die Möglichkeit gewährt, ihren Lebensabend noch bis Ende 2021 selbst bezahlen zu können. Was danach kommt und inwieweit dann die Allgemeinheit diese Kosten zu übernehmen hat, wird sich zeigen. Die Betroffene wird zu diesem fernen Zeitpunkt bereits 99 Jahre alt sein und ich hoffe für sie, dass das Thema bis dahin aus der Welt sein wird.

Ich werde über den weiteren Verlauf dieses unsozialen Verhaltens der Familienmitglieder weiter berichten.

4 Gedanken zu “Familienbande – ein Wortspiel?

  1. Ich habe seit dem ersten Text öfter mal an die alte Dame denken müssen. Es ist so traurig, dass es keine menschlich normale und gerechte Lösung gibt. Diese empathiefreien, geldgierigen, berechnenden „Familienangehörigen“… Eine alte Dame so zu behandeln und zusätzlich emotional zu belasten… Eine Freundin sagt bei solchen Gelegenheiten: Karma wird zuschlagen.

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    1. Dankeschön für Deinen Kommentar! Ich wünsche mir Gerechtigkeit für die Verwandte und dass es auf dieser Welt noch RichterInnen gibt, die Sachverhältnisse klären können, um dann ein annehmbares Urteil zu sprechen.

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  2. Deinen Wunsch teile ich und hoffe auf Gerechtigkeit in nicht allzu ferner Zukunft. Manchmal könnte ich den Glauben an die Menschheit verlieren… Aber dann gibt es da Menschen wie dich. Du kümmerst dich um die alte Dame, um die Klärung ihrer finanziellen Belange und bist ihr dadurch auch emotional sicher eine große Stütze. Das ist für mich Familie, die Menschheitsfamilie. Manchmal sind wir mit solchen Menschen verwandt und manchmal mit ihnen befreundet. Ich drück ganz fest die Daumen.

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  3. Ein Gutmensch bin ich auch nicht immer! Es gibt aber Situationen und Anforderungen, die alle Menschen nachdenklich machen sollte: Wir alle können uns bald in einer ähnlichen Situation wiederfinden. Und wer hilft uns dann, wenn wir es selbst nicht mehr können. Du und ich … wir kümmern uns! Andere wollen nur Spaß haben🤔. Das ist mit einer der Gründe, wieso ich hier darüber schreibe. Lass‘ uns daran gemeinsam arbeiten, dass sich etwas verändert und alle Empathie zeigen. Das würde vieles ändern.

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